Posted on Februar 14, 2016, von & gespeichert unter ICAHD News.


Englisches Original unten

Der zögernde Boykottierende: Warum ein liberaler Zionist jetzt BDS unterstützt

Larry Derfner_08.02.2016 (Ha’aretz)

Damit, dass sie die Besatzung ‚unhaltbar‘ nennen, erleichtern liberale Zionisten ihr Gewissen und entschuldigen ihre Zögerlichkeit damit, dass sie sich sagen, (die Besatzung) könne nicht (auf Dauer) bleiben. Aber sie wird bleiben, solange wir nicht anfangen, wie Radikale zu handeln.

Unter den liberalen Zionisten hat in den letzten Wochen ein Erwachen begonnen. Einflussreiche Stimmen aus diesem Lager, vor allem in Übersee, aber auch hier, haben scheinbar die Geduld mit Israel und seiner Besatzung verloren. Sie haben angefangen ihre Meinung zu dem endgültigen Ziel der liberalen Zionisten zu äußern – die Zwei-Staaten-Lösung – auf eine Art, die allgemein als radikal gilt.

Roger Cohen, ein Kolumnist der New York Times, nimmt jetzt an der Boykott-Bewegung teil. Unter Bezugnahme auf einen neueren Bericht von Human Rights Watch rief er dazu auf, auf internationale Unternehmen Druck auszuüben, „damit sie ihrer Verantwortung bezüglich der Menschenrechte nachkommen und ihre Aktivitäten im Zusammenhang mit Siedlungen beenden“.

David Remnick, Herausgeber und Starschreiber des Magazins The New Yorker schrieb ein Profil des Vorsitzenden der Joint Arab List, Ayman Odeh, was implizit auch eine politische Unterstützung für ihn war. „Odehs Botschaft baut auf dem Gut auf, das nach dem Wasser in der Wüste das seltenste ist: Hoffnung“, schrieb Remnick. Noch bemerkenswerter war die wenig schmeichelhafte Darstellung des Autors von der Sicht der Araber, wie sie der Führer der Zionstischen Union, Isaak Herzog hat. Der Artikel verweist auf die „flapsige Herablassung“ Herzogs gegenüber Odeh und seine häßlichen Bemerkungen über Araber in der Wahlkampagne des letzten Jahres (er habe die „arabische Mentalität“ verstanden und als Soldat die Araber durch „das Fadenkreuz“ seiner Waffe gesehen).

Amos Schocken, Herausgeber von Ha’aretz schrieb einen Essay, der für einen israelische Zeitungsherausgeber durchaus einen Aufbruch anzeigt, und dessen Titel alles sagt: „Nur internationaler Druck wird die israelische Apartheid beenden.“

Und ich möchte zu dieser Liste Ban Ki-moon hinzufügen, den Generalsekretär der Vereinten Nationen, der die heiligste der heiligen israelischen Propaganda in Frage stellt, nämlich dass der palästinensische Terror und nicht die israelischen Eroberung  die Wurzel des Konflikts ist. „So wie es unterdrückte Völker durch die Zeiten demonstriert haben, gehört es zur menschlichen Natur auf eine Besatzung zu reagieren“, sagte Ban, und brachte damit die palästinensische Sache in Verbindung mit den antikolonialen Bewegungen in der Geschichte.

Ich weiß nicht, ob dieser Trend unter liberalen Zionosten und Freunden Israels wachsen oder im Sand verlaufen wird, aber ich bin überzeugt, dass der einzige Weg die Besatzung zu beenden, der des Volkes ist, das weiß, dass sie (die Besatzung) falsch und unmoralisch ist, und schließlich aufhört zweideutig zu reden. Ich meine, wenn Barack Obama, Angela Merkel, Francois Hollande und zahllose andere lberale Politiker, Diplomaten und Kommentatoren laut sagen würden, was sie wirklich über die israelische Politik gegenüber den Palästinensern denken, und nach diesen Überzeugungen handeln würden, würde die Besatzung beendet. Angesichts der Drohung schwerer Sanktionen durch den Westen, würde Israel im Westjordanland und um Gaza herum die Arme verschränken (nichts tun).

Aber das liegt in weiter Ferne. Wäre ich ein Buchmacher, würde ich wetten, dass es niemals geschieht. Aber es hat in der Geschichte schon viel größere Kehrtwenden gegeben; niemand kann sagen, dass es nicht auch hier geschehen kann.

Was wir aber sagen können, ist, dass es nicht so, wie sich die Dinge zur Zeit entwickeln, geschehen wird. Es wird nicht unter der Führung von Isaac Herzog, Tzipi Livni und Yair Lapid geschehen; sie gehen rückwärts und bieten den Palästinensern ständig weniger an als das, was diese in der Vergangenheit zu Recht zurückgewiesen haben. Es wird auch nicht oder nicht so schnell unter der Führung der Vereinten Staaten geschehen, wo die Androhung von Sanktionen für Israel bisher als gleichbedeutend mit Verrat gesehen wird.

Man müsste Europa und einen großen Teil der Partei der Demokraten so weit bringen, dass sie Sanktionen über Israel verhängen, was bedeuten würde Israel zu zwingen; die Liberalen müssen anfangen zu reden und mehr zu handeln wie Radikale – nicht was ihre Ziele anlangt, sondern ihre Taktiken.

In diesen verzweifelten Zeiten ist der nächste Schritt für die Unterstützer der Zwei-Staaten-Lösung nicht die Befürwortung der Ein-Staat-Lösung, sondern im Interesse der Zwei-Staaten-Lösung mit der entsprechenden Verzweiflung zu sprechen und zu handeln.

Ich befürworte nicht gerne den Boykott meines eigenen Landes, aber als mir vor ein paar Jahren klar wurde, dass weder das israelische Friedenslager noch das weiße Haus die Besatzung beenden würden, hatte ich die Wahl entweder den Boykott oder den status quo auf ewig zu unterstützen, und ich habe das erstere gewählt.

Ich bin ein liberaler Zionist, ich möchte, dass Israel ein jüdischer Staat bleibt, und ich unterstütze den Boykott in jeder Form, weil es das Einzige ist, das das Potential hat,  die Welt schrittweise zu überzeugen, ein Ende der militärischen Diktatur (bekannt als Besatzung) zu erzwingen.

Ich habe ernste Probleme mit der BDS-Bewegung – aber nicht annähernd so ernste wie die, die ich mit der Besatzung habe. Die BDS-Bewegung möchte den jüdischen Staat abbauen, der Westen nur die Besatzung – und nur der Westen und nicht die BDS-Bewegung kann Israel seinen Willen aufzwingen.

Letzlich ist es aber der beste Weg, den feindseligen anti-israelischen Terror der BDS-Bewegung zu ändern, sie (die BDS-Bewegung) mit liberalen Zionisten zu überschwemmen.

Aber es gibt noch andere relativ radikale Optionen für Liberale außer der Unterstützung des Boykotts. Sie könnten die Reservisten der israelischen Armee aufrufen den Dienst im Westjordanland zu verweigern. Meretz und Peace Now könnten eine Flotille für Gaza chartern, mit der israelischen Fahne und beladen mit Hilfsgütern. Das würde ein bißchen Problembewußtsein wecken.

Aber vielleicht beginnt die Radikalisierung der liberalen Zionisten mit dem Wort, nicht mit Tat. Diese Leute können nicht weiterhin Angst haben Israel die Schuld zu geben und gleichzeitig für die Palästinenser Partei ergreifen. Sie können auch nicht weiterhin sagen, dass man „beiden Seiten Schuld geben muss“. Israel ist ein freies Land, das Millionen Palästinensern ihre Freiheit mit Waffengewalt verweigert, und das haben sie seit 1967 so gemacht. In diesem Konflikt gibt es keine moralische Äquivalenz zwischen beiden Seiten.

Die Leute müssen auch aufhören vorzugeben, dass die Besatzung ‚unhaltbar‘ sei, denn nach dieser langen Zeit ist das nicht wahr. Wenn die Liberalen die Besatzung als ‚unhaltbar‘ bezeichnen, beruhigen sie ihr Gewissen, rechtfertigen sie ihr Zaudern gegenüber dieser historischen Ungerechtigkeit – indem sie sich sagen, es könne nicht so bleiben.

Denn damit helfen sie mit, dass es so bleibt. Inzwischen ändern manche liberale Zionisten (ihre Meinung, ihre Haltung) und werden radikaler und werden Teil der Lösung, der einzigen, die uns geblieben ist.

 

Übersetzung: K. Nebauer  

 http://www.haaretz.com/opinion/.premium-1.702155

 

The Reluctant Boycotter: Why This Liberal Zionist Now Supports BDS

Calling the occupation ‚unsustainable‘ is how liberal Zionists ease their conscience and excuse their timidity, by telling themselves it can’t last. But it will last – unless we start acting more like radicals.

Larry Derfner

Feb 08, 2016 10:14 PM

 

An awakening among liberal Zionists has begun in recent weeks. Some influential voices in this camp, mainly overseas but also here, seem to have run out of patience with Israel and its occupation. They’ve started speaking out for the definitive liberal Zionist goal – the two-state solution – in ways that are generally considered radical.

Roger Cohen, a New York Times columnist, joined the boycott movement. Quoting a recent Human Rights Watch report, he called for pressure on international businesses “to comply with their own human rights responsibilities by ceasing settlement-related activities.”

David Remnick, editor and star writer of The New Yorker magazine, did a profile of Joint Arab List chairman Ayman Odeh that was also an implicit political endorsement. “Odeh’s message is built around the rarest commodity in the desert after water: hope,” Remnick wrote. Even more notable was the author’s extremely unflattering depiction of Zionist Union leader Isaac Herzog’s view of Arabs. The article pointed up Herzog’s “breezy condescension” toward Odeh and his ugly remarks about Arabs in last year’s election campaign (such as that he understood “the Arab mentality” and, as a soldier, had seen Arabs through “the crosshairs” of a gun).

Amos Schocken, publisher of Haaretz, wrote an essay that marked quite a departure for an Israeli newspaper publisher, and whose title tells it all: “Only international pressure will end Israeli apartheid.”

And I would add to this list Ban Ki-moon, secretary general of the United Nations, who challenged the holy of holies of Israeli propaganda: that Palestinian terror, not Israeli conquest, is the root cause of the conflict.  “As oppressed peoples have demonstrated throughout the ages, it is human nature to react to occupation,“ Ban said, thereby linking the Palestinian cause to the anti-colonial movements of history.

I don’t know if this trend among liberal Zionists and friends of Israel will grow or peter out, but I’m convinced that the only way to end the occupation is for people who know that it’s wrong, that it’s immoral, to finally stop equivocating. I believe that if Barack Obama, Angela Merkel, Francois Hollande and countless other liberal politicians, diplomats and commentators said aloud what they really think of Israel’s policy toward the Palestinians – and acted on those convictions – the occupation would be finished. Facing the threat of severe sanctions by the West, Israel would fold its hand in the West Bank and around Gaza.

 

It’s a long way off. If I was a bookie, I’d lay odds against it ever happening. But there have been much greater turnarounds in history; no one can say it can’t happen here, too.

What we can say, though, is that it won’t happen at the rate things are going. It won’t happen under the leadership of Herzog, Tzipi Livni and Yair Lapid; they’re going backward, offering the Palestinians continually less than they (justifiably) rejected in the past. Nor will it happen, or not soon, anyway, under the leadership of the United States, where threatening sanctions on Israel would be seen, by now, as tantamount to treason.

But to get Europe and much of the Democratic Party ready to sanction Israel, which is what it would take to force Israel’s hand, liberals have to start talking and acting more like radicals – not in their goals, but in their tactics.

In these desperate times, the next step for supporters of the two-state solution is not advocating the one-state solution, but speaking and acting on behalf of the two-state solution with appropriate desperation.

I don’t feel comfortable advocating a boycott of my own country, but a few years ago, after it became clear to me that neither the Israeli peace camp nor the White House was going to end the occupation, the choice came down to supporting the boycott or supporting the status quo forever, and I chose the former.

I am a liberal Zionist, I want Israel to remain a Jewish state, and I support the boycott of this country, in whatever form, because it is the only thing out there with the potential to gradually convince the world to force an end to the military dictatorship known as the occupation.

I have serious problems with the tenor of the BDS movement – but not nearly as serious as those I have with the occupation. Moreover, the BDS movement may want to dismantle the Jewish state, but the West merely wants to dismantle the occupation – and only the West, not the BDS movement, can force its will on Israel. Finally, the best way to change the hostile, anti-Israel tenor of the BDS movement is to flood it with liberal Zionists.

Yet there are other relatively radical options for liberals besides supporting the boycott. They can call on Israeli army reservists to refuse to serve in the West Bank. Meretz and Peace Now could charter a Gaza-bound flotilla filled with humanitarian supplies and flying Israeli flags. That would raise some consciousness.

But maybe the radicalization of liberal Zionists begins with the word, not the deed. These folks cannot go on being afraid to blame Israel and “take sides” with the Palestinians. They can’t keep saying “both sides are to blame.” Israel is a free country that denies millions of Palestinians their freedom at gunpoint, and has done so since 1967. There is no moral equivalence between the two sides in this conflict.

These folks also must stop pretending that the occupation is unsustainable, because after all this time, that’s obviously not true. Calling the occupation “unsustainable” is how liberals salve their consciences, how they excuse their timidity in the face of this historic injustice – by telling themselves it can’t last.

In doing so, they are helping it last. Meanwhile, some liberal Zionists are changing, becoming radicalized – becoming part of the solution, the only one we’ve got left.

Larry Derfner is an Israeli journalist and copy editor at Haaretz.